Mittwoch, 30. November 2011

Soll ich fasten? Was sagt die Bibel?

Die Frage steht ja bei mir schon seit längerer Zeit im Raum. Und ich habe sie bisher immer schön mit ja beantwortet und viele gute Gründe dafür genannt. Aber gestern Abend viel mir auf, dass ich bisher noch gar nicht geschrieben habe, was die Bibel dazu sagt.

Nun gibt es manche Personen, die gerne und immer Schokolade essen, die der Meinung sind, das Fasten sei eine jüdische Tradition, die Jesus aufgehoben habe, als er seinen Jüngern erlaubte, auch zu jenen Zeiten zu essen, wo z.B. die Pharisäer fasteten (vgl. z.B. Mk 2,18)

Hingegen wird uns das Fasten an mehreren Stellen der Bibel sehr ans Herz gelegt:
Lk 2,37: Sie hielt sich ständig im Tempel auf und diente Gott Tag und Nacht mit Fasten und Beten.
Apg 13,2f: Als sie zu Ehren des Herrn Gottesdienst feierten und fasteten, sprach der Heilige Geist: Wählt mir Barnabas und Saulus zu dem Werk aus, zu dem ich sie mir berufen habe. Da fasteten und beteten sie, legten ihnen die Hände auf und ließen sie ziehen.
Apg 14,23: In jeder Gemeinde bestellten sie durch Handauflegung Älteste und empfahlen sie mit Gebet und Fasten dem Herrn, an den sie nun glaubten.

Fasten wird hier oft mit dem Gottesdienst verbunden oder mit einem besonderen Ereignis. Ihm wird also eine bestärkende Wirkung zugesprochen. Noch deutlicher wird dieser Umstand an einer anderen Stelle, wo Jesus eine Handlung mit und eine Handlung ohne fasten vergleicht.
Mk 9,29: Als Jesus nach Hause kam und sie allein waren, fragten ihn seine Jünger: Warum konnten denn wir den Dämon nicht austreiben? Er antwortete ihnen: Diese Art kann nur durch Gebet und Fasten ausgetrieben werden.*

Jesus erklärt den Aposteln hier also, dass er den Dämon nicht deshalb austreiben konnte, weil er als Sohn Gottes über ein größeres Machtpotential verfügt, sondern weil er anders als sie gefastet hatte. Das Fasten hat hier also eindeutig eine das Gebet verstärkende Wirkung, das unter bestimmten Umständen notwendig ist. Liest man die bereits angeführten Stellen noch einmal in diesem Licht, so gewinnt der Grund für das Fasten der Gemeinde in kritischen oder wichtigen Situationen eine noch klarere Kontur und man versteht besser, warum auch im neuen Testament an vielen Stellen immer wieder von Fasten als einem Mittel der Glaubenspraxis die Rede ist.

Wir können daher sagen, dass die alte Kirche in bedeutenden Situationen gefastet hat. Von daher verstehen wir auch, warum sowohl Ostern als auch Weihnachten eine Zeit des Fastens vorgeschaltet wurde. Denn bei beiden Festen handelt es sich um die beiden bedeutendsten des Kirchenjahres. Gerade Weihnachten ist für den heutigen Menschen immer noch ein ganz besonderes Ereignis, auf das er in der Adventszeit regelrecht hinlebt. Zwar tut er das heute vor allem in Form des Kaufens von Geschenken und dem Aussuchen von Weihnachtsbäumen etc., aber der Kern besteht noch.

Ist es für uns da eigentlich nicht ein Leichtes, die Vorbereitung, ja die Zurüstung auf das bedeutende Ereignis Weihnachten nicht nur durch das Kaufen von Geschenken, sondern auch durch Fasten zu begehen?
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* In den meisten modernen Bibelübersetzungen  inklusive der Standartausage des griechischen Neuen Testamentes (Nestle-Aland: United Bible Societey) ist das Fasten aus dem Text gestrichen worden., da es sich um einen späteren Zusatz handeln würde. Nach neueren papyrologischen Studien war das Fasten jedoch in diesem Text von Anfang an enthalten, vgl. Thiede, Carsten Peter: Der Petrus Report. Der Felsen der Kirche in neuem Licht, Augsburg 2002, S. 72f.

Dienstag, 29. November 2011

Religion macht unsportlich

Wer in nächster Zeit einem befreundeten Atheisten begegnet, der wird sich vielleicht auch anhören können, dass Glauben nicht nur eine Illusion sei, sondern auch gesundheitsgefährdend.
Nicht nur weil man unter Umständen in die Verlegengheit kommt, für seinen Glauben zu leiden.
Nein auch deshalb, weil Glaube unsportlich macht. Das hat jetzt eine ETH-Studie bei Primar-Schülern in der Schweiz herausgefunden. Demnach schneiden konfessionslose Schülerinnen am besten im Sport ab, an dritter Stelle kommen Katholiken, an vierter Stelle muslimische Mädchen.

Also ich für meinen Teil kann das nur bestätigen. Ich bin ja auch katholisch und kollossal unsportlich. Andererseits kenne ich einen Mönch, der mir das Tragen eines Baldachins mit der Begründung verweigerte, er hätte mich noch nie im Kraftraum gesehen. Wo er sich offenbar regelmäßig aufhält. Und ich kenne einen anderen Mönch, um die 70, der regelmäßig einen ganzen kleinen Lastwagen Wasserflaschen ins Kloster karrt.

Was sagt uns das: Religion wirkt sich auf die eigene Unsportlichkeit nur bedingt und nur Zeitweise aus. Dafür aber auf das Seelenheil unbedingt und ewig. Also mir ist das Seelenheil wichtiger. Aber ein Atheist setzt die Prioritäten ja anders.  

http://www.tagesanzeiger.ch/zuerich/region/MuslimMaedchen-schneiden-in-Sporttest-am-schlechtesten-ab/story/22114952

Vom Fasten und von Rebhühnern

Die Hl. Theresa von Avila soll zum Thema gesagt haben:
"Wenn Fasten dann Fasten, wenn Rebhuhn dann Rebhuhn."
Auf unsere heutige Zeit könnte man übertragen sagen: Wenn Fasten dann Fasten, wenn Weihnachtsplätzchen dann Weihnachtsplätzchen.
Ich weiss natürlich, dass ich mich furchtbar unbeliebt damit mache, wenn ich den Leuten sage, sie sollen Plätzchen und Schokolade in der Weihnachtszeit reinschaufeln, aber doch nicht vorher. Aber ich mach es trotzdem weiter. Denn ich finde schon, dass man nicht alles zu allen Zeiten machen kann bzw. machen sollte. Ich Esse ja auch keinen Christstollen im Hochsommer. Oder Bananensplit im tiefsten Winter.
Gut, Weihnachtsplätzchen ist man eingestandermaßen mitlerweile auch in der Adventszeit. Habe ich ja früher auch gemacht und das ist ja auch kein Vorwurf.

Aber neben der spirtuellen Seite gibt es ja auch eine psychologische. Man freut sich auf Weihnachten bzw. Schokolade, Kuchen und Plätzchen, auch nochmal ein bisschen mehr, wenn man vorher etwas weniger davon hatte. Da haut man nochmal mit mehr Elan rein.
Das erinnert mich an Erlebnis in einem Kloster am Ende der Fastenzeit. Ich hatte damals das große Glück, dass ich neben einem Frater zum Sitzen kam, der ein ganz strenger Faster war. Der aß selbst zum Mittagessen immer nur eine Scheibe Brot. Ob er zwischen Gründonnerstag und Ostersonntag überhaupt was gegessen hat, daran habe ich so ein bisschen meine Zweifel. Aber am Ostersonntag, zum Hauptmahlzeit am Mittag, da hat er richtig schön gespachtelt. War aber auch lecker. Aber ich würde wetten, ihm hat's sogar noch besser geschmeckt, weil er vorher streng gefastet hat.

In diesem Sinne denken wir an die Hl. Theresa: Jetzt ist Fasten, und an Weihnachten Rebhuhn.

Montag, 28. November 2011

Mama, warum trägt der Pfarrer pink?

Während meiner ersten Messdienerlehrstunde bekam ich einen Zettel in die Hand gedrückt mit Bildern von verschiedenfarbigen Messgewändern - Kaseln - und daneben stand, was der Priester wann trug. Da stand auch, dass Violett, von jungen, unemanzipierten Mädchen auch Trauerpink genannt, neben der Fastenzeit auch während der Adventszeit getragen wird.
Ja, aber warum eigentlich? habe ich damals nicht gefragt.
Denn Fastenzeit und Adventszeit sind ja zwei verschiedene Paar Schuhe. In der Fastenzeit fastet man - eigentlich - in der Adventszeit schaufelt man hochoffiziell gebackenen wie ungebackenen Keksteig in solchen Mengen in sich hinein, dass man an Weihnachten in die Kirche gerollt werden kann, weswegen man diese Tradition auch Weihnachtsplätzchen nennt. Da käme doch in der Fastenzeit kein Mensch drauf.
Gut, beides sind irgendwie Vorbereitungszeiten. In der Fastenzeit bereitet man sich darauf vor, Karten anzulegen, um die versteckten Ostereier selber wiederfinden zu können, in der Adventszeit stellt man statische Berechnungen an, um den Geschenkberg vor dem Weihnachtsbaum vor dem vorzeitigem Einsturz zu bewahren.
Aber sonst haben die beiden doch lebenspraktisch nichts gemeinsam. Außer eben dass der Pfarrer violett trägt. Aber wieso denn nun? Denn Vioelett ist ja eine Farbe der Zurückhaltung, mitunter der Trauer - so früher am französischen Königshof - das passt doch zu Advent echt nicht.

Ja, denkste.
Vielleicht wissen die Älteren, vom Lande Kommenden - 70 + aus rheinländischen, bayrischen und österreichen Kuhkäffern - unter uns noch, dass man früher in der Adventszeit nicht Kekse und Kuchen gemampft hat bis der Kaplan zur letzten Ölung - aus Stärkungszwecken - kam, sondern das man Weihnachtsplätzchen an Weihnachten gegessen hat und nicht davor.
Und damit kommen wir auf den Punkt dieses Beitrages: Die Adventszeit ist nämlich auch eine Fastenzeit.
Der Priester trägt also Violett nicht aus Jucks und Dollerei - bei manchen der modernen Kaseln kommt man ja auf den Gedanken - sondern um uns darauf hinzuweisen, wie eng Fasten- und Adventszeit zusammenhängen.
Katholische Sprache ist eben auch eine Bildsprache und wenn wir sie wieder lesen lernen, können wir viele Zusammenhänge wieder neu und besser als jetzt verstehen.

Zuletzt wollen wir noch ein bisschen motivieren. Denn in der Adventszeit zu fasten ist, da seien wir ehrlich, eine Tortur. Von überall kriegst du Schokolade, Kekse, Zimt, Zucker und was weiss ich noch alles unter die Nase gehalten. Allein mit den Nikoläusen in den Supermärkten der Rhein-Main-Gegend kann man die Schokoladenjahresnachfrage eines mittleren afrikanischen Landes decken.
Aber mal unter uns: Darin liegt doch gerade die Herausforderung, die Gelegenheit. Jetzt oder nie. In der Fastenzeit ist ja Fasten immer noch irgendwie in. Klar, da fastet man um auf den Hunger in der Welt hinzuweisen oder wegen der Figur - Winterspeck lässt grüssen. Aber in der Adventszeit doch nicht. Da kann man noch mal christliches Leben in Reinkultur praktizieren. Der mittägliche Weihnachtsmannmarzipanschokokuchen mit Karamell-Latte-Macchiatto oder einem weißen Kakao mit Zimtgeschmack wird ersetzt durch ... ach ich weiss auch nicht ... einem Angelusgebet.
So kann man noch viele andere Beispiel finden, aber ich muss jetzt auch noch mal was tun und wünsche euch daher nur viel Spass beim Fasten.

PS: Den Macchiatto - kein Karamell - habe ich heute auch noch getrunken, aber ohne Kuchen und mit Angelus.

Episkopaler Blog

Die deutschsprachige Blogözene heisst nunmehr auch einen Bischof unter sich Wilkommen:
den österreischen Jugendbischof Stephan Turnovszky.
Der Blog befasst sich mit dem Thema Adventszeit. Ich habe schon mal reingeschnuppert und Bischof Turnovsky wird uns sicher bis Weihnachten viele schöne geistliche Impulse bieten.

http://www.jugendbischof.at/

Sonntag, 27. November 2011

Adventsgedanken der Erste - Zurück zum Zimmermann

Wer in dieser Tagen durch das Frankfurter Bankenviertel schlendert, der wird ganz in der Nähe der Konsumtempel auf eine kleine Zeltsiedlung treffen, in der sich der antikapitalistische Protest in Frankfurt im Windschatten der globalen Occupy-Bewegung konzentriert. Wir wollen jedoch an dieser Stelle nicht von bösen Ausbeutern und guten Ausgebeuteten sprechen. Denn Armut macht nicht gut. Armut ist kein moralischer Wert an sich. Der große Kirchenvater Johannes Chrysostomos schrieb zu diesem Thema, dass nicht der arm ist, der wenig hat, sondern der, der viel braucht. Und wenn wir diesen Maßstab anlegen, dann erhellen sich beide Welten, die der Bankentürme und die der Zelte. Denn beide sind sich im Grunde gleich. Der Banker, der immer mehr Geld will, weil er meint, immer mehr Geld zu brauchen, und der Zelter, der ebenfalls mehr Geld will, weil er auch meint, mehr zu brauchen. Beide rufen das gleiche, beide rufen nach mehr. Mehr Geld, mehr Freiheit, mehr Marijuana. Dabei reagieren beide auf die gleiche Krise gleich. Denn es ist keine Krise der bösen Banken gegen den guten Sozialstaat, es ist im eigentlichen Sinne ein Verteilungskampf. Immer mehr Menschen - seit neuestem 7 Milliarden - kommen auf immer weniger Ressourcen. Auf der Erde wird es buchstäblich eng und diese Enge schafft notwendigerweise Konflikte. Die haben, wollen wenigstens behalten, optimalerweise aber mehr, die nicht oder weniger haben wollen vor allem mehr. Ob dies Parteien jetzt die Banker gegen die Zelter oder der Westen gegen Afrika und Asien ist, bleibt sich dabei gleich. Und so ist das Verhalten aller Beteiligten nur logisch. Denn der Mensch riecht die Krise, er spürt das Ende einer Phase und den Übergang in eine andere. Und wie der Hamster, der den Winter hereinbrechen fühlt und Anfängt Mittel zu horten verhalten sich auch die Banker. Die wollen jetzt, sofort, möglichst viel Gewinn in möglichst kurzer Zeit, solange es denn noch irgend geht. Das gleiche gilt für die Zelter. Sie spüren den Kollaps des Systems, indem sie aufgewachsen sind und wollen noch möglichst schnell Marken setzen, an die sie sich nachher, wenn es eng wird, klammern können. Auch sie wollen ihren Wohlstand sichern. Es ist eine Diktatur des Haben-Wollens. So wie die Entfesselung der Finanzmärkte durch eine Entkopplung von angenommem Wert und realem Wert verursacht wurde und damit die Krise beschleunigte, so wird auch die Krise durch die Entkopplung von Wollen und Können beschleunigt. das Ergebnis bleibt das gleiche.
In einer Version des Kreuzweggebetes heisst es: Aber so wird die Welt erlöst, durch anderer Leiden und Opfer. Opfer das wollen wir alle nicht sein, und leisten schon mal gar nicht. Und Leiden, ja, aber nur für ganz bestimmte ganz weniger Sachen und auch nur in einem ganz begrenzten Rahmen.
Ich möchte euch daher von einem Mann erzählen, der genau das Gegenteil von dem getan hat, was wir heute tun würden, die wir doch alle im Grunde wie die Banker und die Zelter sind. Jemand, der nicht mehr-haben-wollen rief, sondern der zurücksteckte, jemand, der nicht die Selbstverwirklichung begehrte, sondern der die Seine für andere zurücksteckte. Ich rede von meinem Lieblingsheiligen, dem Mann, der mit in der ganzen Bibel der sympathischste ist, dem Hl. Joseph von Nazareth.

Was wissen wir über diesen Mann Joseph? Eigentlich erbärmlich wenig. Er war Handwerker, wahrscheinlich Zimmermann oder ähnliches. Er lebte in seinen letzten Lebensjahren in Nazareth, einem Nest in der multikulturellen Boomzone Galiläa. Er stammte jedoch aus dem Stamme Davids und war sogar dessen Nachkomme. Bis hierin ein ganz normales Leben. Vermutlich war er in seinen jungen Jahren verheiratet und hatte mehrere Kinder. Dann jedoch scheint seine Frau verstorben zu sein, sodass Joseph wieder frei war, erneut zu heiraten, was er, da er es sich offenbar leisten konnte, auch tat. Bzw. tun wollte. Denn diese junge Frau hieß Miriam oder Mariam und konfrontierte den armen Joseph nach der Verlobung mit einem Problem: Sie war schwanger. Und zwar ohne das Joseph sie erkannt hatte, wie es in der Bibel steht, dass also die Ehe noch nicht vollzogen war, wie die Kirche sagen würde. Die verständliche Reaktion Joseph hierauf war sein Wunsch, die Verbindung mit Miriam zu lösen. Heimlich still und leise, ergänzt die Bibel, um den edlen Charakter des Mannes zu betonen, der kein Drama aus dem vermeintlichen Betrug machte, sondern die Angelegenheit diskret lösen wollte. Ob sich seine Verlobte dazu äußerte, wie es zu der Schwangerschaft kam, wissen wir nicht. Wir können jedoch davon ausgehen, dass die Aussage: "Das war der Geist Gottes" als Begründung nicht besonders zog. Parthenogenese, so der wissenschaftliche Fachbegriff, war doch unwahrscheinlicher als ein römischer Soldat, der sich ins Elternhaus Miriams verirrt hatte. Und mal ehrlich: Hätten wir ihr geglaubt? Doch wohl nicht. So gesehen war Joseph verhalten so normal und menschlich wie möglich. Doch auch ein Erlöser will ja essen und gewickelt werden, will ein Dach über dem Kopf. Also braucht's halt einen Ziehvater. Folglich wurde Joseph von höchster Stelle zurückgepfiffen. Aber für einen leibhaftigen Engel hat es halt nicht gereicht. Mehr als einen Traum bekam der Zimmermann nicht, indem ihn ein Engel über das weitere Vorgehen instruierte. Und was macht Joseph? Genau das, was der Engel gesagt hat.

Und hier beginnt eigentlich unsere Geschichte. Und gerade dieser Punkt ist mir ganz besonders wichtig. Denn diese kurze Stelle, die man immer mal so streift und kaum wahrnimmt, ist vielleicht das Kernerlebnis des kaum wahrgenommenen Menschen Joseph. Hier findet ein Bruch statt oder auch ein Erweckungserlebnis. Hier hört Joseph auf, wie wir zu sein. Hier hört der Jude Joseph auf, die mosaischen Gesetze als "die" Lebensregeln anzusehen. Hier beginnt er Christ zu sein. Christ, weil er sich als erster bzw. als zweiter nach Miriam, in den Dienst des Heilands stellt, weil er an Jesus Christus bzw. an das Evangelium, an die gute Nachricht des Engels glaubt und danach handelt. Hier beginnt er, das Gesetz der Liebe über das Gesetz des Moses zu stellen. Hier wird er Christ. Hier wird er zum Vorbild für alle, die nach ihm kommen.

Aber unsere Geschichte geht noch weiter. Nachdem Joseph dieses erste Opfer gebracht hat, indem er die schwangere Miriam zu sich nahm und damit die Verantwortung für sie und das Kind übernahm, obwohl er es nicht gemusst hätte, überblicken wir einen mehrmonatigen Zeitraum bis zur Geburt Jesu. Und in diesem Zeitraum berührte er sie nicht, wie es bei Matthäus heisst. Wenn an davon ausgeht, dass Joseph nicht gerade ein uralter Greis war und Miriam eine junge, ansehnliche und erblühende Frau mit der er hätte die Ehe vollziehen können, auch eine Leistung, die man nicht ganz unter den Tisch fallen lassen sollte.

Und dann ging es weiter. Damit ein geldgieriger Staat - kennen wir doch irgendwoher - seine Untertanen besser schröpfen konnte, befahl er ihnen, sich einem bürokratischen Mammutakt zu fügen, indem sie an den Standort ihres Geburtsregisters gehen und dort ihr Daten abgeben sollten. Und Joseph als guter - das heisst hilfloser - Untertan des römischen Sebastos folgt diesem Befehl und zieht von Nazareth nach Betlehem. Im Gepäck: Schwangere Frau inklusive Esel. Was uns heute normal vorkommt - war halt so - ist aus der menschlichen Warte des Josephs völliger Quatsch. Denn aus bürokratischer Notwendigkeit musste Joseph Miriam nicht mitschleppen. Auch nicht, weil er sie nicht allein lassen wollte. Man kann davon ausgehen, dass in Nazareth ein intakter Familienverband Josephs bestand, der sich Miriam hätte annehmen können. Zumal ja das Geschäft weiter laufen musste, während der Meister weg war. Auch aus schwangerschaftstechnischen Gründen war die Reise eher bedenklich. Eine Hochschwangere auf einem Esel über die palästinensischen Landstraßen zu tragen barg doch unendlich mehr Gefahren für sie, als wenn sie zu Hause geblieben wäre. Zumal wenn man die Bedeutung des Kleinen bedenkt. Ich wollte da nicht Joseph gewesen sein - Esel auch nicht. Kurz und gut unterzieht sich der arme Kerl einem immensen Mehraufwand, um wieder nicht zu handeln wie wir Ottonormalreisender, sondern wie ein Christ. Der Junge soll nach dem Wort Gottes in Betlehem geboren werden, also bringen wir die schwangere Mutter nach Betlehem. Auf das Wort Gottes hören, nennt man sowas.

Aber die Drangsal war ja noch nicht vorbei. Nachdem er sich endlich in Betlehem einquartiert hatte und nachdem endlich der Bub draußen war, begann das große Defilee. Hirten, Weise/Könige, das ganze Programm. Das müssen wir uns mal bildlich vorstellen. Da sitzt der kleine Zimmermann in der Herberge und muss sehn, wie das kleine Bobbesche, für den er in den nächsten Jahren die Verantwortung tragen darf, von Gott und der Welt hofiert wird. Da wird einem schon ganz anders. Aber als dann auch noch Soldaten des Herodes angekündigt wurden, war das Joseph doch zuviel. In bereits bekannter Manier erhielt er traumhafte Order, setzte Mutter und Kind auf den Esel und marschierte los. Nicht aber etwa nach hause. Nein, nach Ägypten hat der Engel ihn geschickt. Auch das erscheint uns heute doch ganz klar, war halt so. Aber stellen wir uns das ganze doch noch mal aus der Sicht Josephs vor. Das er mit der Familie aufbricht, bevor die Schergen des Königs um die Ecke biegen ist ja noch klar. Hätten wir auch alle so gemacht. Aber anstatt um Jerusalem einen großen Bogen zu schlagen und in Nazareth wieder aufzutauchen, geht er nach Ägypten. Obwohl das eigentlich gar nicht nötig gewesen wäre. Es ist kaum vorstellbar, dass selbst ein paranoider Herrscher wie Herodes das ganze Land nach Kindern durchforschen lassen würde, die in Betlehem geboren wurden. Wäre Joseph nach ein paar Wochen wieder in Nazareth aufgetaucht, im Schlepptau ein Kind und ein bisschen billigen Plunder von der Rundreise, hätte kein Schwein ihn darüber ausgefragt. Matthäus liefert uns denn auch den eigentlichen Grund für den ganzen Aufwand: erfüllt würde, was der Herr durch den Propheten gesagt hat, der da spricht (Hosea 11,1): »Aus Ägypten habe ich meinen Sohn gerufen.«  (Mat 2,15). Und wieder tritt uns Joseph als derjenige entgegen, der Gottes Wort erfüllt, auch wenn es für ihn einen gewaltigen Mehraufwand bedeutet. Denn auch wenn das Geschäft in Nazareth über seine Abwesenheit am Laufen gehalten werden konnte, leicht war es bestimmt nicht.

Und die Plackerei geht ja noch weiter. Nachdem Joseph endlich wieder daheim war, musste er sich ja nicht nur um seine Arbeit kümmern, sondern auch um den kleinen Jesus. Und selbst wenn wir nur die offiziellen Evangelien zugrunde legen, leicht war der Junge bestimmt nicht. Da büchst der eben mal irgendwo in Jerusalem aus und als die Eltern ihn endlich gefunden haben meint der Knabe nur, warum sie sich denn wundern, dass er im Haus seines Vater sei. Da hat man doch große Lust den Kleinen an den Ohren zurück nach Nazareth zu schleifen. Wenn man hingegen die geläufigen Kindheitsevangelien, allen voran das des Thomas zugrunde legt, dann zog der junge Jesus solche Nummern und noch schlimmere dauernd ab. Da wurden Vögel auferweckt, renitente Nachbarskinder zu Tode befohlen, Lehrer zur Verzweiflung getrieben usw. Auch wenn man das als übertriebenen Volkswunderglauben betrachtet - was es sicher war - ein einfaches Kind war Jesus wohl nicht gerade. Darin wird uns Joseph wieder sehr ähnlich. Joseph, der sich im Alltag mit dem Messias in spe und Adoptivsohn herumschlagen musste, so wie auch wir uns heute mit Kindern und anderen nicht immer erträglichen, aber doch unserer Verantwortung überstellten Menschen herumschlagen dürfen.

Und was ist das Ende vom Lied? Wir wissen es nicht. Wann Joseph starb oder wie, das wird nicht erwähnt. Allerdings können wir davon ausgehen, dass sein Ableben vor dem öffentlichen Wirken Jesu anzusetzen ist, denn wenngleich wir von seiner Familie etwas hören, doch nie wieder etwas von ihm. Sein Tod liegt also irgendwo zwischen dem 12. und dem 30. Lebensjahr Jesu. So endet die Geschichte dieses großen Mannes und des ersten Christen. Hören wir Klagen von ihm? Hören wir sich über die Ungerechtigkeit beschweren? Hören wir, wie er sich gedrückt hat vor seinen Aufgaben oder sie nur halbherzig erfüllte?
Nein. Nichts dergleichen. Was hat ihm Gott aber alles aufgebürdet?
Eine Schwangere in sein Haus aufzunehmen, bei der er jedes Recht hatte, sie zu verstoßen.
Sie mitzuschleppen auf seiner Reise nach Betlehem.
Nach Ägypten ins Exil gehen zu müssen.
Den jungen Messias großzuziehen.
Und schließlich vergessen und unbeachtet zu sterben.
Gut, werdet ihr jetzt sagen. Nur? Da haben andere doch wohl mehr über sich ergehen lassen. Verfolgung, Kreuzigung, Gulag und was weiss ich noch alles. Da habt ihr natürlich recht. Aber diese Heiligen sind uns heutigen Wohlstandsmenschen doch irgendwie fern. Joseph hingegen ist uns nahe, wie er Christen zu allen Zeiten nahe war. Weil er so normal war. Seine Opfer sind nicht groß, weil sie so viel bewirkt hätten oder weil sie so übermenschlich gewesen wären - das erste trifft zu, das zweite nicht. Sondern weil sie so menschlich waren und weil er sie in der Haltung angenommen hat, die einen Christen auszeichnet: In liebevollem Gehorsam gegen das Wort Gottes.

Schlagen wir nun den Kreis zu den Bankern und den Zeltern. Können wir ihre Situation mit der des Heiligen vergleichen? Warum nicht? Auch sie stehen vor krisenhaften Entwicklungen in ihrem Leben, auch sie haben das Wort Gottes zur Hand. Anstatt "Mehr-haben-wollen" zu rufen, könnten sie doch einmal überlegen, ob ihr Leben nicht reicher würde, wenn sie das opfern würden, was sich ohnehin gerade anbietet für diejenigen, die uns im Wort des Herrn aufgetragen sind. Denn auch wenn wir Opfer im christlichen Sinne immer mit großen Sachen verbinden, gerade für den Ottonormalverbraucher in unseren Breiten kommt es darauf an, christliches Opfer im Alltag zu leben. Und ich rede hier nicht nur von Geld, wie die Banker und Zelter jetzt denken. Da kann man sich auch ganz viel anderes überlegen. Und da die Adventszeit ja eine Zeit der Besinnung ist, also des Überlegens, überlegt mal ein bisschen. Ich mach es auch. Und denken wir dabei an den Heiligen Joseph, unser Vorbild in der Krise.

Samstag, 26. November 2011

Frohes neues (Kirchen-)Jahr

Allen Lesern meines Blogs wünsche ich ein frohes neues Jahr, eine besinnliche Adventszeit und Gottes reichen Segen
Bilderklärung: Wir schießen uns nicht ins neue Jahr, wir qualmen uns rein.

Freitag, 25. November 2011

Religion als Bewertungsmaßstab - Zwischen portugiesischer Mission und Aufklärung

I.  Einleitung
„Und wie sie [ = die Schwarzen] vorher in Verdammnis der Seelen und des Körpers lebten, empfangen sie jetzt das Gegenteil; die Seele war, als sie Heiden waren, ohne Licht und ohne Feuer des Heiligen Glaubens, und mit ihrem Körper lebten sie wie wilde Tiere ohne Ordnung der vernünftigen Menschen, weil sie nicht wussten, was Brot und Wein und Kleidung oder Häuser waren. Und noch schlimmer: Weil sie in dieser großen Ignoranz lebten, hatten sie kein Bewusstsein des Guten, denn sie lebten im Müßiggang der wilden Tiere.“[1] So schrieb der portugiesische Chronist Gomes Eannes de Azurara in seiner Cronica dos Feitos über die schwarzen Paganen, welche die Portugiesen in West- und Südafrika entdeckt hatten. Aus diesen Sätzen spricht eine fundamentale Verbindung von Religion und Zivilisation. Für die Christen, die im mittleren und ausgehenden 15. Jh. begannen, auf dem Weg nach Indien die Küsten West- und Südafrikas, Guinea genannt, zu befahren und dort vormals unbekannte Völker und Landschaften zu entdecken, bestand nicht nur ein kultureller und körperlicher Unterschied zwischen ihnen und den Eingeborenen. Auch die Tatsache, dass diese Menschen scheinbar bisher nichts von der christlichen Botschaft gehört hatten oder doch zumindest ganz anders ihre Religion praktizierten, wenn sie überhaupt, war für die damaligen Entdecker von wesentlicher Bedeutung.
Wir wollen uns in dieser kurzen Schrift folgende Fragen stellen: 1. wieweit Religion der Bewertungsmaßstab von Kulturen und Menschen zu verschiedenen Zeiten war und 2. welche Folgen das für die Meinung der Betrachter dieser Kulturen hatte?
Zu diesem Zweck wollen wir zum einen den Standpunkt aus der Zeit Azuraras vertiefen, zum anderen wollen wir unseeren Blick auf Quellen der großen Epochenscheide des europäischen Geistes, der Aufklärung, lenken. 
Zur Betrachtung des Themas haben wir uns entschieden als Quellen Reisebeschreibungen und ähnliche Werke von Europäern zwischen dem 15. und dem 18. Jh. zu verwenden. Aus Zeitgründen wollen wir auf einen umfangreichen quellenkritischen Kommentar verzichten und gleich mit der inhaltlichen Behandlung beginnen. 

II.  Portugiesische Reisebeschreibungen

Um die Position der Portugiesen darzustellen wollen wir vor allem den Bericht über die Relation des Königreichs Kongo[1] benutzen. Dabei handelt es sich nicht um einen klassischen Reisebericht. Der Text berichtet in Form eines Geschichtswerkes von der ersten Mission im Königreich Kongo und dem schnellen Erfolg, der in der Konversion des Königs, weiter Teile seiner Familie und der Elite gipfelt. Er zeigt aber auch bereits die Schwierigkeiten auf, die durch die Konversion entstehen.
Hierbei fallen einige wesentliche Punkte auf: 1. Die Einwohner werden zwar als Heiden herabgesetzt, die als solche primitiv sind, sie werden aber auch als freundlich, offen und aufnahmewillig beschrieben.[2] 2. bringen die Portugiesen den Gouverneuren und dem König des Kongo ungeachtet seines Heidentums, durchaus aber in Rückschau im Bewusstsein seiner Konversion, alle Ehren gegenüber, die einem König zustehen. Das lässt sich besonders gut auf dem zweiten Bild erkennen, dass dem Bericht illustrierend beiliegt und in dem der schwarze König mit allen Attributen eines europäischen Herrschers ausgestattet von dem Portugiesen mit dem Kniefall begrüßt und geehrt wird.[3]  
Bei diesen beiden Punkten wollen wir untersuchen, ob und welche Bedeutung die Religion hatte. Beginnen wir mit dem 1. Punkt:
Der Text beginnt zu einem Zeitpunkt, als im Kongo bereist die Christianisierung begonnen hat und das Stadtbild der Hauptstadt bereist von der christlichen Kirche im portugiesischen Stil und den sonstigen Bauten der Portugiesen geprägt wird. Dagegen werden die baulichen Leistungen der Einheimischen wenig gewürdigt, es gibt aber auch keine Negativbeschreibungen.[4] Dennoch wird hier bereits der Unterschied deutlich, denn obwohl die Einheimischen nicht explizit herabgesetzt werden, wird doch trotz ihres Christentums ihre geringere kulturelle Stufe deutlich gemacht. Die Primitivität der Bewohner und die Notwendigkeit auch zur materiellen Konversion zur portugiesischen Zivilisation hin werden also nicht in Abrede gestellt. Mehr noch wird sie offenbar von den Portugiesen aktiv betrieben, da man die einheimische Kultur unabhängig von der Christianisierung nach wie vor als zurückgeblieben, primitiv ansieht, wie das Beispiel der Kirche zeigt.[5] Das wird auch auf der dritten Illustration deutlich, die bereits eine gewisse Angleichung der kongolesischen Kleidung an die portugiesische erkennen lässt, was durch den Beitext noch bestätigt wird.[6] Auch alles andere, was die Portugiesen besonders für den Kultus wichtig halten, wird von ihnen eingeführt.[7] Bezeichnend ist auch der Geiselaustausch nach dem ersten Kontakt. Die Geiseln werden am Hof zu Portugal nicht nur ihrem Stande nach geehrt, sondern sie werden auch in den portugiesisch-christlichen Bräuchen unterwiesen. Eine Taktik, die z.B. von König Afonso befördert, fortgesetzt und ausgebaut wird.[8]
Das zentrale Kriterium der Bewertung der Portugiesen gegenüber den Einheimischen scheint in diesem Kontext zu sein, wie bereitwillig sie sich ihren Missions- und Kulturationsbemühungen fügen. Denn die Portugiesen sehen in den Einheimischen nicht einfach nur Wilde. Für die Portugiesen, die sich mit einem missionarischen Auftrag ausgestattet verstanden[9], waren die Einheimischen erstmal potentielle Christen.[10] Denn sie registrieren durchaus, dass bei den Kongolesen positive Ansätze bestanden, jedoch nicht im Bereich der Religion, sondern des Charakters und des Handels.[11] All diese Aspekte müssen jedoch zusammen mit der Religion in eine christliche Form überführt werden, wie bereits der Titel des 2. Kapitels zeigt: „Von dem Ursprung und Anfang des christlichen Glaubens im Königreich Kongo und wie die Portugiesen das Gewerb und den Kaufhandel diesen Landen an sich brachten“[12] Denn nach wie vor hängen die Kongolesen trotz ihrer positiven Anlagen einem Glauben an, der für die Portugiesen nichts positives hat, der im Gegenteil nur vom Teufel stammen kann und durch den sie in ihrem primitiven Stadium festgehalten werden.[13]
Kommen wir nun zum zweiten Punkt:
Hier lässt sich auf den ersten Blick keine Verbindung zur Religion herstellen. Denn zu dem Zeitpunkt, als die Portugiesen den König auf die genannte Weise ehren, ist er ja noch nicht Christ. Das muss er aber auch gar nicht sein. Es genügt, dass die Möglichkeit besteht, dass er Christ werden könnte und dass er es später wurde. Hier zeigt sich erneut die relativ große Offenheit gegenüber anderen Kulturen, wenn in diesen das Potential zur Angleichung gesehen wird. Das lässt sich gut an einem Gegenbeispiel aus einer späteren Zeit illustrieren. Die meisten protestantischen Mächte, die zu einer späteren Zeit als die Portugiesen in Afrika ankamen, hatten nämlich gegenüber den Einheimischen eine andere religiöse Einstellung. Für sie sind die heidnischen Afrikaner so durch die Natur beeinflusst worden, dass sie durch sie prädestiniert sind und es nicht mehr möglich ist, sie religiös und damit auch nicht kulturell zu retten. Ein Fortschritt und damit eine mögliche Kommunikation auf Augenhöhe blieb den Afrikanern damit verwehrt, da sie Wilde waren und Wilde bleiben würden.[14] Diese Einstellung, wenngleich sie nicht konsequent angewendet wurde, findet doch ihren sichtbaren Ausdruck im Umgang und den Ansichten der Expedition von der Gröbens mit den afrikanischen Häuptlingen.[15] Während die Portugiesen grundsätzlich den meisten Stammesfürsten den Rang von europäischen Fürsten zuerkannten und sich entsprechend, wenn auch durch das Heidentum eingeschränkt, verhielten, treffen wir bei von der Gröben auf keinerlei solche Anerkennung mehr.[16] Für ihn gibt es keine wirklichen staatlichen oder ordentlichen Strukturen in diesem Teil Afrikas und damit auch keine Notwendigkeit, sich gegenüber den Häuptlingen entsprechend zu verhalten. Ein Erklärungsmodell dafür ist, dass er nicht davon ausging, dass sich diese Stammesfürsten einmal verbessern könnten, sondern Wilde waren und bleiben würden und er nicht mehr in ihnen sehen wollte. In diesem sehr prädestinativen Denken finden wir bereits Anklänge zum Gedanken des edlen Wilden, der uns noch einmal begegnen wird. 
Wie ganz anders begegneten da die Portugiesen mit missionarischem Eifer den Kongolesen und ihrem Herrscher. Freilich waren sie in ihren Ansichten ihrer Überlegenheit nicht wesentlich anders als von der Gröben. Auch nicht in ihren Absichten. Denn hier wie bereits bei den Muslimen verband sich ja Mission mit Akkulturation, also auch mit dem Erschließen neuer Absatzmärkte und auch der Kolonisation. Nicht umsonst wird bereits zu Beginn des Textes von der portugiesischen Gemeinde in der Hauptstadt gesprochen. Diese Gruppe und weitere, besonders am Ozean und auf den benachbarten Inseln gelegen sollten im weiteren erheblichen Einfluss auf die Kongolesen auszuüben suchen.[17] Aus dieser Tendenz entwickelten sich dann auch immer mehr Probleme, die bereits am Ende der Quelle aufscheinen. Denn obwohl sich die wenigen portugiesischen Missionare der ersten Stunde bemühten, das Christentum nicht nur durch Taufe, sondern auch durch Unterweisungen der Lehre zu verbreiten, hielten viele Kongolesen an ihrem alten Glauben oder doch zumindest an ihren Praktiken fest. Stellte ein solches Verhalten für die Afrikaner keinen Widerspruch zu ihrer Taufe dar, so bedeutete es für die Portugiesen ein Rückfall in heidnische Sitten.[18] Es entstanden daher schon bald zwei Fraktionen am Königshof und im Volk: Die eine, die das Christentum aufgrund der rigoristischen Tendenz der Missionare ablehnten und wieder ganz zu den alten Sitten zurückkehren wollten, die andere die den beschrittenen Pfad weitergehen und das Christentum im Kongo verinnerlichen und die alten Kulte abschaffen wollte.[19] Die daraufhin entbrennenden Kampfhandlungen gingen zwar zugunsten der christlichen Fraktion unter dem späteren König Afonso aus, dies änderte jedoch nichts am Grundproblem.[20] Dieses wuchs sich im Laufe der Zeit immer mehr zu einem Problem aus, desto mehr sich zeigte, dass die Hoffnungen der Euphorie des Anfangs sich nicht bestätigen würden und desto unverhohlener die Portugiesen begannen, Kolonialpolitik im Kongo zu betreiben. So klagte der Kapuziner-Missionar Antonio Zucchelli 1715: „Viele aber, die dieses lesen/ werden sich darüber wundern, dass wir so gar hart wider diese Leute verfahren, und werden viel eher meynenm dass es besser gewesen, wenn wir sie mit Holdseligkeit und Liebe tractieret, weil man damit mehr bey ihnen ausrichten, und ihre Laster noch eher verbessern könnte. Allein alle diejenigem/ die so dencken, haben keine rechte Wissenschaft und Nachricht von denen Schwarzen.“ [21] Ernüchterung hatte sich unter den Missionaren verbreitet. Und mit den hoffnungsvollen Anfängen der Mission schwand auch die vergleichsweise hohe Meinung, die die Europäischen Christen von den Afrikanern und ihren Herrschern hatten.
All das zeigt uns, dass die Portugiesen grundsätzlich die Einwohner nicht wegen, sondern trotz ihrem Heidentum die Chance einräumten, ein zivilisiertes Leben zu führen, weil sie in einem Urzustand lebten, aus dem sie noch befreit werden konnten. Wenn sie dies aber taten, indem sie das Christentum und damit verbunden europäische Sitten einnahmen, befanden sie sich auf dem Weg, wohlgemerkt erst auf dem Weg zu einem wahrhaft menschenwürdigen Dasein, da die Religion ihr Fundament ist. So schrieb Alexanders Ross 1665: „Das Wesen und Leben einer Republick besteht in der Liebe/ Einigkeit und Einträchtigkeit; diese aber werden durch die Religion erlangt, dan es ist kein Band so eng und so dauerhafttig/ als das von der Religion, wodurch alle die lebendigen Steine des grossen Gebäws der Königreiche und Stände aneinander gemauret…“[22] Folgerichtig, wenngleich von Ross nicht explizit formuliert[23], bedeutet das auch, desto wahrer die Religion, umso besser ist das Fundament der Gesellschaft und das Christentum als die wahre Religion ist demnach das beste und einzig wirkliche Fundament für den guten Staat und den tugendhaften Menschen. In dieser Meinung zeigen die portugiesischen Autoren eine relativ hohe Übereinstimmung mit den Muslimischen. Für beide war Religion das Fundament eines Zivilisierungsprozesses, der weit über das Heil der Seelen in Kulturelle und wirtschaftliche Bereiche hineinreichte, indem sie die Menschen von ihren schlechten Eigenschaften befreite und sie der Gemeinschaft der Überlegenen integrierte und anglich.

III. Beschreibungen zur Zeit der Aufklärung
Abschließend wollen wir noch versuchen, eine andere Perspektive auf die Völker Afrikas zu aus dem europäischen Kontext zu gewinnen. Hierfür werden wir die Geschichte beider Indien von Guillaume Raynal und Denis Diderot darauf untersuchen[24], ob sich auch in der Epoche der Aufklärung der Grundsatz gehalten hat, dass die Religion das Fundament der Zivilisierung der wilden Afrikaner ist oder ob das Konzept der Prädestination durch die Natur, welches wir am Ende unserer Betrachtungen in Ansätzen entdeckt haben, weiterentwickelt wurde und damit den Gedanken des Afrikaners als potentiellen Christen verdrängt hat.
Breits zu Beginn seiner Ausführungen machen die Autoren am Beispiel der Erklärungsmodelle für die schwarze Hautfarbe der Afrikaner klar, dass sie von jeder religiösen Interpretation oder Bewertung nicht nur Abstand nehmen wollen, sondern diese explizit und polemisch ablehnen.[25] Nach dieser Erklärung geht Raynal auch nicht weiter auf die Religion als Bewertungsmaßstab für die Afrikaner ein. Dies ist umso erstaunlicher, als es sich bei ihm zum einen um einen Priester handelt, zum anderen als es sich an zahlreichen Stellen angeboten hätte, religiöse Fragen zu thematisieren. Denn tatsächlich handelt es sich bei der Geschichte beider Indien weniger um eine Reisebeschreibung oder ein Geschichtswerk über diesen Raum. Denn im Grunde ist das Werk eine Schrift gegen die Sklaverei, deren Schwerpunkt der Autor zwischen der afrikanischen Westküste und Amerika sieht. Gerade im Kontext des Sklavenhandels und der Sklavenhaltung hätte es zahlreiche Möglichkeiten gegeben, auch religiös zu argumentieren. So stellt er die Frage, ob die Europäer das recht hätten, in Amerika neue Kolonien zu gründen. Er beschäftigt sich mit dieser Frage aus einem rein weltlich-machtpolitischen Kontext, ohne auf die Frage der Religion, die ja den damaligen Kolonisten selbst zumindest Vorwand war, einzugehen.[26] Allerdings gelingt es Raynal nicht, seine Ausführungen vollständig frei von religiösen Bewertungen zu halten. Konträr jedoch zu den Muslimen und Portugiesen sieht er Religion jedoch nicht als einen positiven, sondern als einen negativen Aspekt an, wenn er z.B. schreibt: „Die Religion, die Verachtung auf die Arbeiten eines Wesens im Puppenstande wirft und die heimlich die Fortschritte der Vernunft fürchtet, wird ihre Müßiggänger vermehren und den arbeitsamen Menschen durch die Furcht und den Zweifel zurückhalten.[27] Eine ähnlicher Verkehrung der Bewertungen findet man bei Raynal in jenem Punkt, den er an Stelle der Religion als fundamentalen Bewertungsmaßstab einsetzt, den der Rasse ein bzw. der natürlichen Prädestination der schwarzen Afrikaner zu einer bestimmten Lebensform. Hier begegnet uns die Idee des „edlen Wilden“ in einer frühen Form, denn anders als die Portugiesen und die Muslime ist die Wildheit und Unzivilisiertheit der Afrikaner für ihn kein negativer, sondern ein positiver Punkt.[28]
Wir können daher zusammenfassen, dass sich bei den Aufklärern, zumindest aber bei Raynal, die Idee der natürlichen Prädestination der Schwarzen, die bereits bei früheren Autoren angeklungen ist, gegen die Idee der Religion als fundamentalen Bewertungsmaßstab durchgesetzt hat und sogar nunmehr als Negativum betrachtet, während die Natur nunmehr positiv ist.

IV. Resümee
Kehren wir zu unseren Fragen vom Beginn der Arbeit zurück, so können wir sie nun auf folgende Weise beantworten:
Zur ersten Frage konnten wir feststellen, dass Religion der erste und fundamentale Bewertungsmaßstab für die Afrikaner war. Sie war allerdings nicht der einzige. Zivilisatorische und moralische Aspekte waren ebenfalls für sie alle von hoher Bedeutung. Sie traten jedoch hinter die Religion zurück, insoweit, als diese erst den Afrikanern die Teilnahme an den Segnungen der Zivilisation ermöglichen würde und sie damit aus ihrem tierischen Stand zu wahren (Christen-)Menschen mit allen Vorteilen der Kultur machen würde.
Doch tritt im Laufe der Zeit ein Umschwung der Meinung bei den Europäern ein. Mit ausbleibendem Erfolg verbreitet und verhärtete sich der Standpunkt der Europäer, die Afrikaner seien und blieben Wilde qua Natur. In der Aufklärung droht er das religiöse Argument fast gänzlich zu verdrängen und wird zu einer, nunmehr mitunter positiv gedeuteten, natürlichen Prädestination der Schwarzafrikaner zum natürlich-wilden Dasein. 
Davon, dass sich hierdurch die Stellung der Afrikaner in der europäischen Wahrnehmung zum besseren Entwickelt hätte, kann jedoch keine Rede sein. Denn hatte man dan Afrikaner vorher die Möglichkeit zur Weiterentwicklung grundsätzlich zugebilligt, so wurden sie jetzt zu per se Wilden abgestempelt. Mochte dieses Wilde zwar noch als Positiv angesehen werden, so kam damit dennoch der Gedanke der biologischen Prädestination auf, der als Grundsatz der Bewertung des Menschen nach seiner Rasse unheilvolle Wirkungen entfaltete. Eine Überlegenheit im Sinne einer gesteigerten Unvoreingenommenheit des aufgeklärten Beobachters gegenüber einem religiösen kann von daher nach den Quellen nicht festgestellt werden.



[1] Vgl. Cassiodorus, Augustinus: Wahrhafte und eigentliche Beschreibung des Köngreiches Kongo in Afrika, Frankfurt am Main 1617, darin: Die Relation des Königreichs Kongo, S. 35-43.
[2] Vgl. ebenda, S. 36ff.
[3] Vgl. ebenda, Bild 2.
[4] Vgl. ebenda, S. 35f.
[5] Vgl. ebenda, S. 37.
[6] Vgl. ebenda, Bild 3, besonders des Beitextes Z. 14: „Heutigen Tags aber gebrauchen sie sich der portugiesischen Tracht …“
[7] Vgl. ebenda,  S. 38f. Der König bittet darum, dass die Portugiesen für ihn eine Kirche bauen und auch das sonstige notwendige Gerät einführen, einem Wünsch, dem sie bereitwillig entsprechen.
[8] Vgl. ebenda, S. 38. Dazu Santos Lopes: Afrika., S. 61, 72 und Baur, John: Christus kommt nach Afrika : 2000 Jahre Christentum auf dem Schwarzen Kontinent, S. 61-65
[9] Vgl. Azurara, Gomes Eannes de: The Chronicle oft he Discovery and Conquest of Guinea, New York 1963, S. 52-54. Der Infant Heinrich erhält hier vom Papst die Billigung seiner Entdeckungsfahrten und den Auftrag zur Heidenmission.
[10] Vgl. Santos Lopes, Marilia dos: Afrika. Eine neue Welt in deutschen Schriften des 16- und 17. Jh., Stuttgart 1992, S. 54.
[11] Vgl. ebenda, S. 57. Eine weitere Quelle hierzu ist z.B. Bry, Theodor de: Ander Theil der Orientalischen Indien, Frankfurt am Main 1598.
[12] Zitiert nach Cassiodorus: Die Relation des Königreichs Kongo, S. 38, Z. 1-4.
[13] Vgl. ebenda, S. 38f.
[14] Vgl. Lopes, S. 170.
[15] Vgl. Groeben, Otto Friedrich von der: Guineische Reisebeschreibung, Leipzig 1915.
[16] Vgl. ebenda, S. 63. Anstatt von Königen spricht man hier von „Capiscirs“. Diese lassen sich zwar nicht mit dem König des Kongo vergleichen, doch macht die Behandlung durch von der Gröben doch deutlich, dass es sich hier in keiner Perspektive um Gleiche oder Ähnliche handelt. So schreibt er S. 65, Z. 1-4: „Da sind sie mir entgegen gekommen und haben mich in eine alte aufgeworfene Hütte gebeten, allwo ich ihnen mein Vornehmen zu verstehen gegeben und sie mit wenigen Worten zu meinem Willen gebracht habe.“ Die Häuptlinge werden oft als Kapitäne bezeichnet, S. 57, und damit einen ähnlichen Rang wie von der Gröben und sein Kapitän, ein anderes mal als Oberhaupt, S 58. Doch ist in diesem Kontext stets von den Ehrerbietungen die Rede, die den Europäern von den Schwarzen erbracht werden, nie von gegenseitigen Handlungen gleichen Charakters, vgl. S. 67f.
[18] Vgl. Sweet, James H.: Recreating Africa. Culture, Kinship, and Religion in the African-Portuguese World, 1441-1770, Chapel Hill-London 2003, S. 112-117. Für das unterschiedliche Verständnis von Religion zwischen Afrikanern und Europäern vgl. ebenda S. 103-117.
[19] Vgl. Cassiodorus: Die Relation des Königreichs Kongo, 41ff.
[20] Vgl. Baur: Christus kommt nach Afrika, S. 59-67.
[21] Vgl. Zucchelli, Antonio: Merckwürdige Missions und Reisebeschreibung nach Congo in Ethiopien, Frankfurt 1715, S. 241. Entnommen aus Santos Lopes: Afrika, S. 77, Z. 17-22.
[22] Zitiert nach: Ross, Alexander: Der Welt unterschiedliche Gottes Dienst/ oder Beschreibung aller Religionen und Ketzereyen in Asia, Afrika, America und Europa, von Anbeginn der Welt biß auff gegenwertige Zeit, Heidelberg 1665 , S. 951. Entnommen aus Santos Lopes: Afrika, S. 181, 33-37.
[23] Vgl. Santos Lopes: Afrika, S. 180ff.
[24] Vgl. Raynal, Guillaume, Diderot, Denis: Die Geschichte beider Indien, Nördlingen 1988.
[25] Zitiert nach ebenda, S. 196f, Z.41-18: „Die Gottgelehrtheit, die sich des menschlichen Geistes durch Einbildung bemächtigt, welche die Schrecken der Kindheit dazu angewendet, um die Vernunft mit unaufhörlichen Schrecknissen zu plagen […] Großer Gott! welchen abscheulichen Unsinn schreiben dir Wesen nicht zu …“
[26] Vgl. ebenda, S. 161-164.
[27] Zitiert aus ebenda, S. 201, Z. 27-31.
[27] Vgl. ebenda, S. 202f, S. 201, Z. 27-31.
[28] Vgl. ebenda, S. 202f, 230-236. Vgl. weiterführend: Braun, Jana: Das Bild des „Afrikaners“ im Spiegel deutscher Zeitschriften der Aufklärung, Leipzig 2005. Zwar diskutiert die Autorin das Thema nicht in unserem Aspekt, sie arbeitet jedoch deutlich heraus, dass der „Afrikaner“ in der Zeit der Aufklärung deutlich als der andere gesehen wurden und man nie bis selten Gemeinsamkeiten, sondern fast nur unterschiede herausgearbeitet hat, wodurch der Paradigmenwechsel von der Mission des potentiellen Christen zur Beherrschung des fremden Afrikaners in den folgenden Jahrhunderten vollzogen wurde. Bzgl. des Hauptthemas von Raynal, dem Sklavenhandel vgl. besonders ebenda, S. 38-50.

Donnerstag, 24. November 2011

Treffen der deutschsprachigen Blogözenetreffen

Liebe Bloggerinnen und Blogger,

endlich ist es soweit.
Nachdem Rom mutig vorangeschritten ist (ein Unsatz für die "Reformer"), kriegen auch wir in Deutschland jetzt unser Blogözenetreffen. 
Am 8.-10. Juni wird das Herz der deutschsprachigen Internetevangelisierung in Freiburg sein.

Näheres unter
http://sende-zeit.de/2011/11/24/einladung-zum-bloggertreffen/

Augustinus über die Demut - Briefe

Wir wollen heute unsere Augustinus-Reihe mit seinen Briefen schließen.

Augustinus an den Bischof Aurelius
"Was soll ich aber von Streitsucht und Überlistung sprechen, da schwere Laster dieser Art in unserem Stande, nicht unter dem Volke vorkommen? Die Mutter dieser Krankheiten ist aber der Stolz und die Begierde nach Menschenlob, die oft auch zur Heuchelei führt. Diesem Laster aber kann man nur dadurch entgegenarbeiten, daß man, wie so häufig die Stellen in den göttlichen Büchern es verlangen, Furcht und Liebe Gottes einflößt. Doch muß auch derjenige, der dies tut, sich selbst als Meister der Geduld und Demut erweisen, indem er weniger für sich in Anspruch nimmt, als ihm entgegengebracht wird; jedoch darf er von denen, die ihn ehren, ebensowenig alles als gar nichts annehmen, sondern was er an Ehre und Lob empfängt, das muß er in Empfang nehmen, nicht wegen seiner selbst, da er ganz vor Gott wandeln und das Menschliche verachten soll, sondern wegen derer, für die er nicht Sorge zu tragen vermag, wenn er allzusehr herabgewürdigt ist. Darauf bezieht sich das Wort: „Niemand verachte deine Jugend“1, das derselbe ausgesprochen hat, der an einer anderen Stelle sagt: „Wenn ich den Menschen gefallen wollte, so wäre ich Christi Diener nicht“
Augustinus an den Bischof Valerius
"Aber vielleicht spricht deine Heiligkeit: „Ich möchte wissen, was dir in bezug auf Belehrung abgeht.“ Dies ist aber so vieles, daß ich leichter aufzählen könnte, was ich besitze, als was ich vermisse. Ich möchte mir die Freiheit nehmen zu sagen: „Mir fehlt Selbsterkenntnis und voller beharrlicher Glaube in bezug auf die Heilswahrheiten.“ Aber wenn ich auch dies besäße, wie muß ich es zum Heile anderer wenden, „nicht suchend, was mir nützlich ist, sondern was vielen zu ihrem Heile dient“? Es gibt vielleicht so manche Anweisungen, nein sicher sind in den heiligen Schriften so manche Ratschläge aufgezeichnet, durch deren Kenntnis und Beobachtung ein Mann Gottes in den Stand gesetzt wird, sich mit halbwegs geordneten kirchlichen Verhältnissen zu befassen, jedenfalls aber in der Mitte der Gottlosen mit reinem Gewissen zu leben oder so zu sterben, dass jenes Leben nicht verloren geht, nach dem allein demütige und sanftmütige Christenherzen Verlangen tragen. Wie kann dies aber geschehen außer, wie der Herr selbst sagt, durch Bitten, Suchen und Klopfen, d. h. durch Beten, Lesen und Weinen? Zu diesem Zwecke wollte ich mir durch Mitbrüder eine kurze Zeit, etwa bis Ostern, von deiner so aufrichtigen und ehrwürdigen Liebe erbitten, und ich erneuere nun diese Bitte."
Augustinus an Consentius
"Wenn man sich also hüten muß, sich Gott ähnlich unserer Gerechtigkeit vorzustellen, weil das erleuchtende Licht ohne Vergleich erhabener ist als das, was erleuchtet wird, so muß man sich noch viel mehr vor dem Gedanken hüten, er sei etwas Geringeres, gleichsam Farbloseres als unsere Gerechtigkeit. Was ist aber die Gerechtigkeit, die in uns ist, oder eine gewisse Tugend, durch die man in rechter Weise und mit Weisheit lebt, anderes als die Schönheit des inneren Menschen? Und gewiß sind wir mehr wegen dieser Schönheit als wegen des Körpers nach Gottes Ebenbilde erschaffen. Deshalb wird uns gesagt: „Werdet nicht gleichförmig dieser Welt, sondern gestaltet euch um in Erneuerung eures Herzens, um zu prüfen, was der Wille Gottes, was gut, gottgefällig und vollkommen sei“. Wenn also nach unserer Behauptung, nach unserer Erkenntnis und nach unseren Wünschen die Seele nicht durch Ausdehnung oder räumliche Gliederung, wie man sie an Körpern sieht oder denkt, sondern durch geistige Vorzüge, zum Beispiel durch die Gerechtigkeit ihre Schönheit erlangt und wir durch diese Schönheit zum Ebenbilde Gottes umgestaltet werden, so darf man die Schönheit Gottes, der uns nach seinem Ebenbilde umgestaltet und gebildet hat, nicht in irgendeiner körperlichen Ausdehnung suchen, sondern man muß vielmehr glauben, daß er, ebenso wie er unvergleichlich gerecht, ebenso auch unvergleichlich schön ist.
Mögen diese Bemerkungen, die in Rücksicht auf die gewöhnliche Briefform vielleicht über Erwarten lang, in Rücksicht auf eine Frage solcher Bedeutung aber kurz ausgefallen sind, deiner Liebe genügen; nicht etwa, als ob sie zu deiner Belehrung ausreichen würden, sondern damit du auch einmal anderes lesest und hörest und dann, wohl unterrichtet, deine weiteren Behauptungen selbst zu widerlegen imstande bist. Dies aber geschieht um so besser, je demütiger und je gläubiger es geschieht."
Quelle: Bibliothek der Kirchenväter, Aurelius Augustinus, Briefe
http://www.unifr.ch/bkv/kapitel2775-7.htm-Demut
http://www.unifr.ch/bkv/kapitel2774-4.htm-demütig
http://www.unifr.ch/bkv/kapitel2812-20.htm-demütig
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